Decaying Loops at the Temple of Dendur

Willkommen in der Zukunft. Die brillantesten Köpfe unserer Zeit verbringen ihre Tage damit, viralen Unsinn von Medium.com einzufangen. Eigentlich sollte die Seite das Bloggen wieder cool machen, gestartet vor acht Jahren, mit einem Designfokus: Texte reinkippen, glücklich sein. Dann kamen Produktideen und Verwirrungen, Journalist*innen wurden angestellt und rausgeworfen, mittlerweile pflastern Buttons und Popups den Screen, es gibt ein Paymodell (eigentlich gut) aber tonnenweise unverifizierten Content (uff).

Die wirklich interessanten Postings landen stattdessen auf Google Docs und in Google Slides. Das Coronavirus Tech Handbook und das Open Source Cookbook aus dem letzten Newsletter – oder

Eigentlich gibt es für solche kollaborativen Unternehmungen Wiki-Software – aber der Aufwand! Installieren, pflegen, stylen, ain’t nobody got time for that. Und die kostenlosen Wiki-Anbieter, don’t get me started. Und so schreiben wir auf der Google-Hardware mit dem Google-Browser in eine Google-Software, um sie später mit der Google-Suche zu finden.

Männer

  • Jutta Allmendinger über die Leopoldina: Empfehlung und Zusammensetzung passen nicht zur Breite der Bevölkerung. Die Männer über 60 hätten Frauen und Kinder übersehen: “Warum werden das familiäre Wohl und das Wohlergehen der Frauen eigentlich gar nicht adressiert? Wie soll das gehen, dass eine Frau und Mutter dann wieder teilerwerbstätig ist, und auf der anderen Seite Kindern unter neun Jahren keine Betreuung zukommt?”

  • Jana Hensel über Systemrelevanz: “Die Corona-Krise hat uns, als ein unbeabsichtigter Nebeneffekt freilich, gezeigt, wie sehr das Land noch immer von Männern dominiert wird, welche Nebenrollen Frauen in vielen Bereichen noch immer spielen. Oder dass sie dort, wo sie die Hauptlast einer solchen Krise tragen, erschreckend unterbezahlt sind. “

Medien

  • Ulrike Winkelmann und Barbara Junge leiten die taz: Glückwunsch!!

  • Schnelle Daten, pünktlich geliefert: RiffReporter über den Einsatz der Storymachine in der Coronakrise. “Die Republik redet jetzt über Lockerungen statt darüber, wie der Lockdown durchzuhalten ist. Es ist Laschet, Streeck und StoryMachine gelungen, in der politischen Themen- und Prioritätensetzung neue Fakten zu schaffen.”

  • Fritzfeed: Wer hinter der knalligen Rechtsseite steht, haben bento und Netzpolitik recherchiert. Plumper Versuch einer Viralschleuderkopie, optisch sechs Jahre, inhaltlich mindestens 75 Jahre zu spät.

  • Cool Mules: Ein Podcast über den Drogenring, der aus dem Vice-Office geführt wurde: “When Vice editor ‘Slava P’ reached out to young journalists with job offers, they thought it was about freelance writing. Instead, he asked them to smuggle nearly $20 million worth of cocaine into Australia.” (via Klingebeil)

  • Mailchimp kauft Printmagazin: Die Newsletter-Firma hat das sympathische britische Magazin Courier übernommen. Courier richtet sich an small-business owners und zeigt mit tollen Fotos neue Firmen und Produkte, wie Monocle ohne Golduhr und Rüstungsaufträge. Man bekommt Courier zum Beispiel im Berliner Magazinladen Do you read me?!, falls das bei der Einordnung hilft.

  • Welche Daten nutzt der SPIEGEL in der Coronakrise? Ich bin da befangen, aber die geschätzten Kollegen Marcel Pauly und Patrick Stotz erklären, welche Daten überhaupt existieren und was hergeben.

Decaying Loops at the Temple of Dendur

Was wird der Sound der Coronakrise? Wie werden wir uns daran einmal zurückerinnern? Treffen sich eines Tages die Musiker, die jetzt über Zoom spielen, im Konzertsaal? Oder starren wir einst in einem Biennale-Pavillon auf Datenvisualisierungen, zuckende Diagramme, aufflackernde Weltkarten, begleitet von elektronischem Knistern?

Für den 11. September gibt es William Basinski. Der macht, nun ja, spezielle Musik – knisternde Loops, hallende Fragmente, drone. Eines Tages, pleite und lost, findet er einen Karton mit Kassetten aus den frühen 80ern wieder. Die analogen Aufnahmen halten nicht ewig, also will er sie überspielen. Während die Kassetten laufen, löst sich das brüchige Magnetmaterial vom Plastik. Die Loops zerfallen. Erst ist er erschüttert, dann elektrisiert. Er nimmt diese Abnutzung, diesen Verfall auf, sechs Tage lang: “The most profound thing to me immediately was the redemptive nature of what had just transpired; the fact that the life and death of each of these melodies was captured in another medium and remembered.”

Am nächsten Morgen stürzt das World Trade Center ein, er kann es aus seinem Fenster in Brooklyn aus sehen. Eine Freundin filmt vom Dach aus, sie legen die zerfallende Musik drunter, das Stück landet später im Museum. Die “Disintegration Loops” veröffentlicht er nach und nach selbst. Pitchfork holt das Werk mit einer Rezension an die Oberfläche, feiert “an uncanny, affirming power. It's the kind of music that makes you believe there is a Heaven, and that this is what it must sound like.” Mehr und mehr Menschen interessieren sich für diese Musik.

Am zehnten Jahrestag spielt ein Orchester eine Interpretation der “Disintegration Loops” zum Gedenken an 9/11, im Metropolitan Museum of Art, in der großen Halle mit dem ägyptischen Tempel. Das Kunstwerk ist komplett: Decaying Loops at the Temple of Dendur.

🦠Coronatime

  • Über die vergewissernde Ästhetik von Cuomos Powerpoint-Slides: “His slides mix impersonal factual delivery with second-person exhortations, first-person declarations, and philosophical introspection. One slide reminds us: ‘Today is Saturday,’ with ‘Saturday’ emblazoned in gold.”

  • The Pre-pandemic Universe Was the Fiction: “Five hundred years ago, Copernicus re-centered the universe away from us, outward. The COVID-19 outbreak is a reminder: The world isn’t for us; we are part of it. We’re not the protagonists of this movie; there is no movie.” Der Autor Charles Yu im Atlantic.

  • want to exercise at home but too lazy to figure out a routine? i have solved ur problem by building a web app that randomly generates workouts w/ random pictures scraped from Google Images and random tracks from SoundCloud” @bcrypt

Extremely Internet

THEFUTURE ist ein Newsletter von Ole Reißmann. Es geht um das Internet, Medien und die Zukunft. Es geht um alles.